Mach kaputt was dich kaputt macht – oder ein Scheißesturm und Samsung haben mich geheilt!

seoul

Während ich diese Worte schreibe – so fangen Texte für die Ewigkeit an! – sitze ich in Korea am Ende eines dreiwöchigen Arbeitsaufenthaltes. Ein recht angenehmes Land – Superlativen kann ich nicht erzeugen, nachdem ich die meiste Zeit in Hotels und Industriegebieten verbringe. Die Menschen hier sind erheblich offener und lustiger als mir meine Vorurteile einreden wollen und obwohl die Sprache eine fast unüberwindbare Hürde darstellt, haben ich es sogar geschafft nur einmal im Burger King essen zu müssen, im Zweifelsfall geht man halt in die Küche und zeigt dem Koch was man essen will.

먹을 수 없습니다 너무 매운 입니다 – heisst übrigens: ich kann das nicht essen, das ist zu scharf! Nicht, dass ich das ausprechen könnte, aber google translate und das iPhone haben das für mich klar gemacht.

Was Korea für mich etwas befremdlich wirken lässt, ist die Tatsache, dass man das Gefühl hat man lebe in einem Samsung Telefon. Die Aufzüge sprechen und piepen um die Wette, die Klos tun das gleiche „Choose your Language“ und die Badezimmerbeleuchtung kann man von der Touchpad-Fernbedienung des (Samsung!) Fernsehers aus steuern. Machen wir uns nix vor, wäre das alles Apple-Zeug ich würde dieses Land nie wieder verlassen wollen! Wie nicht anders zu erwarten, hat diese ganze Technikverliebtheit allerdings einen massiven Haken – der Mensch ist in der Matrix gefangen! Und zwar nicht so, wie wir es aus Deutschland kennen, dass „die Jungen Leute nur noch in die Dinger da reinschauen“ nein hier ist ein Dauerzustand. Bedienungen updaten ihr Facebook Profil während sie deine Getränke anschleppen, Omas machen Snapchat und auf der U-Bahn Rolltreppe hängt ein Schild, dass es untersagt dem kurzberockten Schulmächen vor einem den Schlüpper zu fotografieren – und nein das habe ich mir nicht nur so ausgedacht!

rolltreppe

Die Extremfälle waren allerdings für mich Kinder jeden Alters, die mit Ihren Eltern in ein Restaurant einmarschieren und geführt werden müssen, weil sie in der freien Hand ein sehr großes Telefon halte auf dem eine Gameshow oder ein Zeichentrickfilm läuft, für das man dann am Tisch sitzend einen passenden Halter gereicht bekommt, damit der Stolz seiner Erzeuger beim Essen nicht aus versehen das teure Gerät in der Nudelschüssel versenkt. Und in dem Moment hat es bei mir Click gemacht. So nicht! Nun könnte ich diese Entwicklung ja getrost den Koreanischen Eltern und ihren Kindern überlassen, die in 10 Jahren alle in Therapie sein werden, wenn, ja wenn ich nicht eigentlich genau den gleichen Mist fabrizieren würde! Da mach ich mir mal gar nichts vor, ich habe in den letzten 15 Jahren so ungefähr jede Internet-Straftat begangen, für die man keinen Brief vom Staatsanwalt bekommt. Ich habe gespammt, gecybert, gemobt, Shitgestormt, gechattet, getwittert, facegebookt geskypte, gegooglet und ganz früher sogar AOLt. Ich bin 47 und weiß was HDL und HDGDL und RTFM heißt – ich bin ganz unten angekommen. Wahrscheinlich ist es wirklich so, dass man als Abhängiger erst mal ein paar andere Abhängige im Endzustand erleben muss um den eigenen Zustand zu begreifen. Das kann helfen und wenn man dabei ist Menschen und Liebe zu verlieren weil man zu viel aufs Retina Display schaut – wenn man Glück hat, merkt man es sogar noch, oder es haut einem jemand an den Hinterkopf.

Also was tun? Abschalten? Unmöglich!? Ja schon, die Frage ist muss das sein? Wie kann man Kontakt in die Welt halten, wenn man ständig in der Welt unterwegs ist? Wie schaut man sich Katzenfotos und Ice-Bucket Challenges an und wie organisiert man SIS, womit wir beim eigentlichen Grund meines Dramas wären. Ich bin weit davon entfernt irgendetwas oder irgendjemand für die Falle verantwortlich machen zu wollen, in die ich selbst gebaut habe und in die ich mit Schwung selbst reingelaufen bin. Schon in der ersten Woche Korea habe ich die Flatrate für das Telefon gekillt und den Flugmodus eingestellt. Klar teile ich Essensbilder, aber das kann man auch in Ruhe danach machen wenn man im Hotel liegt. Es geht tatsächlich nicht um die Nutzung, es geht um Selbstdisziplin. Herrje, einer meiner ganz ganz starken Punkte im Leben! Bei einem Ausflug nach Seoul habe ich ein iBook Reiseführer benutz – echt besser als permanent online zu gucken wo man gerade steht – und habe über 200 Fotos gemacht und nach 9 Stunden war tatsächlich noch 43% Saft auf dem Gerät. Während dieser Selbstversuche habe ich mich so dermaßen dämlich gefühlt und wirklich geschämt, wohin einem die Digitale Demenz eigentlich bringt. Egal wie man es dreht, wie zuvor kann ich es nicht mehr weiter treiben. Irgendwann hab ich den Punkt verpasst, wo man für SIS nicht mehr die Rampensau machen muss. SIS kann mittlerweile sehr gut alleine laufen – das letzte was SIS braucht ist noch mehr Aufmerksamkeit.

Den Versuch meine Facebook-Freunde zu halbieren, habe ich lachend abgebrochen. Ich bin davon ausgegangen, dass ich wirklich 50% nicht kenne, aber dank SIS ist dem nicht so, und wen ich kenne, den behalt ich auch … also wenn ich ihn mag. Etwas über 100 sind es dann geworden. Ich wusste einfach nicht wer die sind. Was noch so ein Punkt. Schauen wir uns mal die Hitliste der schlimmsten Gemeinheiten an, die man einem Menschen Heute so an den Kopf werfen kann:

  • Platz 3: Deine Frau ist hässlich
  • Platz 2: Dein Kind ist doof wie Brot
  • Platz 1: Ich entfreunde Dich auf Facebook

Da stimmt tatsächlich die Wertigkeit nicht mehr und auch hier geht es mir so wie dem Rest der Welt. Da hat sich etwas völlig verschoben. Wir haben unser Innerstes nach Aussen gekehrt und sind damit angreifbar. Aufregen tun wir uns nur so wirklich, wenn unsere Nacktfotos von der iCloud gezogen werden, oder Strava weiß wo wir gerade rumfahren. Aber es sind tatsächlich nicht die Inhalte die uns angreifbar machen, sondern die Tatsache, dass wir uns auf öffentliche Bühnen stellen – und manchmal fliegen halt Tomaten.
Es kann also tatsächlich sein, dass Du einer von denen bist, die plötzlich von mir weniger zu sehen bekommen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten, Du kannst dich a) beleidigt abwenden (Entfreunden ist super dann frag ich mich stundenlang WARUUUUUM!) oder aber b) wir versuchen uns mal besser kennenzulernen und stellen was zusammen auf die Beine. Geht übrigens auch online. Ich hab gerade angefangen zwei Bücher zu schreiben. Brauche ich noch Hilfe dazu, kennst Du Dich damit aus? Ich wollte auch schon immer mal mit dem Razor Roller fahren oder mit Icke in Berlin Schwaben auslachen. Ich hab auch noch eine Verabredung 100 km um Hamburg rum zu fahren und ausserdem wird Verena mir mein Besuchsrecht bei Stella entziehen, wenn ich nicht endlich Bass lerne!

Für die Kulturpessimisten habe ich allerdings auch noch einen: dieser ganze „Früher hatten wir echte Freunde“ Bullshit. Früher waren Menschen ab dem Ehegelöbnis völlig ohne Freunde und Früher war man mit 35 alt. Und wenn man dann daheim überhaupt keinen Bock mehr hatte, ging man in die Kneipe saufen und am Samstag zum Fussball. Heute habe ich grandiose Freunde und möchte keinen davon missen. Und ja, die wohnen manchmal in meiner Nähe und manchmal in Colorado Springs, Deajeon, Windehausen oder Bocholt.

Die Überschrift zu diesem, mittlerweile doch recht ausufernden, Seelenstrip würde es eigentlich erlauben gerade noch mal so viel zu schreiben. Aber je länger ich drüber nachdenke umso eher denke ich: nee komm lass es. Mir ging es dabei um die zunehmende Verblödung und den immer schlimmeren Krawall der Digital in der Welt erzeugt wird, über Vollidioten die es nie schaffen zu einer Wahlurne zu gehen, aber die fremdgesteuerten Politiker und die gleichgeschalteten Medien für das Elend der Republik verantwortlich machen. Und mir ging es auch darum mit welchen Mitteln sich Menschen mittlerweile für ihre Ziele einsetzen – „Das muss man doch noch sagen dürfen!“.
Wenn ich mich dazu positioniere in der Öffentlichkeit, dann mache ich das Brummen
nur noch lauter. So just kiss me where it smells funny!

In diesem Sinne, liebt euch, macht Kinder (für SIS Samstag Nachmittags), geht öfter mal zum OBI ne Wurst essen, umarmt Eure Mama und streichelt den Hund, schickt mir Einladungen zum Kaffee oder zum Walken (6,3 km/h Maximum zur Zeit) und um es mit den Worten des Bassisten von The Slime Bag Inflammation“ (VORSICHT: Facebook Link) zu sagen:

„Just because you wear a Ramones T-Shirt doesn’t mean we are friends“*

phaty

*Sticker & T-Shirts available at SIS2015

P.S.: SIS Infos gibt es hier keine mehr – ich finde Euch und Ihr findet mich!
P.P.S.: Na gut: SIS2015 – Schlammbein 31.7. – Rennen 1.8. – das muss aber auch reichen!

Ein Kommentar zu „Mach kaputt was dich kaputt macht – oder ein Scheißesturm und Samsung haben mich geheilt!

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  1. Servus phaty,
    …wenn diese grandiose Einsicht Schule macht…stell dir das mal vor!
    Die Leute besinnen sich und man kann endlich wieder miteinander sprechen, Spaß haben,
    sich lieben und wenn ich jemanden sagen will das er ein Vollhorst ist, dann muß ich ihm
    gegenüberstehen.
    Alles wäre ein bischen ehrlicher und weniger oberflächlich.
    Leider bist du der Einzige den ich kenne und der diese Art von Erleuchtung hatte!
    Aber ist ja schon mal ein Anfang…!
    Außerdem gehe ich davon aus, dass wir uns am ersten Augustwochenende jedes Jahres sehen, gegenüberstehen und das dann die Luft voll von lauter Herzchen ist…
    Bis bald, Großer…
    mathi EXTRABREIT

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